Helden der Nacht – ThomasPieper (Dockland)

Die wahren Helden der Nacht stehen nicht immer im Rampenlicht. Wir widmen uns jeden Monat Personen, ohne die unser Nachtleben weniger aufregend und besonders wäre. Heute stellen wir Euch den ehemaligen Geografiestudenten Thomas Pieper vor, der sich mit dem Dockland Club vor über 20 Jahren einen kleinen Traum erfüllte und seitdem die Nacht in Münster mit u.a. dem Docklands Festival oder dem Fusion Club zum Tag macht.

 

Ursprünglich hast du Geografie studiert. Was hat dich letztendlich überzeugt, das Studium abzubrechen und dich der Clubszene zu widmen?

Vor allem war es die bei mir um 1983/84 geweckte Leidenschaft zur afroamerikanischen Musikkultur und die Tatsache, dass Münster, wie auch generell NRW, da nicht wirklich viel zu bieten hatten. Ich war geradezu Hip-Hop- und House-süchtig und hätte ohne Probleme von Freitag bis Sonntag durchtanzen können. Abgesehen von vereinzelt stattfindenden Konzerten oder sehr kleinen, oftmals nicht so coolen Clubs gab es aber nichts. Also blieb meinem Partner und mir nur eine Wahl. Selbst was eröffnen! Da mir zu dem Zeitpunkt das Studium ohnehin nicht mehr viel Spaß machte und ich generell eher so der Alles-oder-nichts-Typ bin, war die Entscheidung gegen das Studium auch fix gefällt. 

 

Als du und deine Freunde damals regelmäßig Hip-Hop-Partys zunächst in einer Karateschule veranstaltet habt, hat es euch in den Keller des Fusions verschlagen. Heutzutage wird in dem besagten Keller meistens harter Techno gespielt. Wie kam es zum Wechsel vom Hip-Hop zur elektronischen Musik?


Der Wechsel verlief nicht wirklich abrupt, sondern war eher ein schleichender Prozess. Wir haben im Dockland ja über Jahre die Freitage mit Hip-Hop und die Samstage mit House und Tech-House bespielt. Dadurch hatten wir natürlich auch immer den unmittelbaren Vergleich der Formate und da gab es seinerzeit bei den Hip-Hop-Jams und Konzerten schon mehr Hürden. Zunächst waren, auch wenn das heute kaum zu glauben ist, all die großartigen Acts wie Common, Gang Starr, Jeru, Rakim, The Roots usw. ganz schön teuer und die Shows kostenintensiver als die House-Partys. Dies führte nicht selten dazu, dass wir sogar die Getränkeeinnahmen zusammenkratzen mussten, um die Acts irgendwie bezahlen zu können. Was das für einen Club bedeutet, muss ich ja nicht weiter erläutern. Dann verkörperte Hip-Hop Anfang der 2000er immer weniger das, was wir so liebten. Nebenbei war elektronische Musik ohnehin auch immer eine Leidenschaft und entwickelte sich in einer Dynamik, die ich so bisher nicht erlebt hatte. Da wir dann auch noch den Hip-Hop-Stab an unseren ehemaligen Resident DJ Maceo (Skaters Palace) abgeben konnten und so sicher waren, dass Hip-Hop in Münster weiter gehegt und gepflegt würde, fiel uns die Entscheidung pro elektronischer Musik nicht wirklich schwer. Privat ist die Liebe zum True School Hip-Hop übrigens immer geblieben und manchmal gibt es sogar noch ein kleines Revival. Aktuell arbeiten wir an einer Show mit Sugarhill Gang, Melle Mel & Scorpio.   

 

Das Dockland war dein erstes Projekt. 23 Jahre ist die Eröffnung her und der mittlerweile geschlossene Club wird noch heute als Fundament des ganzen Unternehmens, unter anderem durch ein Event im Fusion Club, gefeiert. In welchen Momenten vermisst du die „gute alte Zeit“?

Ich bin eher nicht der Typ, der der guten alten Zeit nachhängt. Zunächst muss man sich ja die Frage stellen, ob die alte Zeit überhaupt so gut war und dann bin ich generell ein eher neugieriger und unternehmenslustiger Mensch, der es kaum erwarten kann, sich neuen Aufgaben zu widmen und der sich immer wieder wie ein kleines Kind auf diese freut. Da kommt mir einfach selten bis nie der Gedanke, die gute alte Zeit zu vermissen.

Wenn ich überhaupt etwas an der guten alten Zeit vermisse, dann hat das nichts mit Business zu tun, sondern vielmehr mit geänderten Lebensgewohnheiten und kulturellen Belangen, die sich auf das Leben meiner Kinder auswirken und die ich teils wirklich bedaure. Das dauerhafte, wenig reflektierte und zwanghafte Nutzen von Social Media, die Tatsache, dass schon lange kein musikalisches/kulturelles, ja sogar politisches Erdbeben, wie die Entstehung der Hip-Hop-Kultur mehr stattgefunden hat und ganz im Gegenteil eine permanente mediale Weichspülung und Gleichschaltung von statten geht. Egal ob dies Musik, Mode oder noch schlimmer Politik betrifft.

 

Du bist nun seit vielen Jahren Clubbetreiber und Gastronom. Gibt es etwas in deinem Job, auf das du wirklich gut verzichten könntest, aber vielleicht schon immer ein Problem war? Als Inhaber eines hochklassigen Steakrestaurants in Dortmund: Gibt es etwas, das dir an der Clubszene besser gefällt als in der Gastronomie und umgekehrt?


Klar gibt es das. Bestimmt sogar ein paar Dinge. Zum Beispiel bringt es mich immer wahnsinnig schlecht drauf, wenn ich mit Freude einen Act erwarte und dieser, aus was für Gründen auch immer, vor einem leerem Club spielt. Das tut mir immer noch echt weh und zwar nicht aus finanziellen Gründen. Dann bin ich vor größeren Events immer noch super nervös, auch wenn man mir das äußerlich vielleicht nicht ansieht. Das konnte ich in den all den Jahren nie abstellen.

Deine zweite Frage ist schwierig zu beantworten. Beide Varianten habe Vor-, als auch Nachteile und sind nicht so einfach zu vergleichen. Ich esse für mein Leben gern und finde es zum Beispiel wunderschön mit Familie, Freunden und Künstlern beim Dinner zu sitzen und sich in toller Atmosphäre auszutauschen. Die unfassbare Kleinteiligkeit und Akribie, mit der man ein Restaurant führen muss, ist allerdings der Wahnsinn und unglaublich herausfordernd. Wenn du dann noch einen Kleinkrieg mit deiner Küche führst, dann Prost Mahlzeit. Zum Glück haben wir mit unserem Küchenchef Sebastian und Restaurantchefin Kirsten in Dortmund zwei Volltreffer gelandet.

Club würde ich grundsätzlich als simpler im Handling einstufen, wobei ich jetzt mal in beiden Fällen von Läden mit Ansprüchen ausgehe. Eine kleine Pizzabude oder ein Franchise-Laden ist sicherlich nicht mit Individualgastronomie zu vergleichen.

Die Clubszene entspricht zudem mehr meiner Form des Feierns. Ich bin nicht so der Gala-Szenerestaurant-Feiertyp, sondern mehr der Raver.

 

Du bist sehr umtriebig und wie man hört auch noch an anderen Events beteiligt. An welchen Projekten und Festivals arbeitest du noch aktiv mit?


Mit meinem Dortmunder Partner Till Hoppe habe ich vor einigen Jahren die gastronomischen Rechte am U-Turm erworben und betreibe dort in 60 Metern Höhe mit dem VIEW eine Eventlocation, im EG mit dem MOOG eine Mischung aus Bistro, Bar und Mikroclub und mit dem EMIL ein High End Steak- und À-la-Carte-Restaurant.

Innerhalb der Dockland GmbH bin ich für das Docklands Festival verantwortlich, das sich in den letzten Jahren ganz prächtig entwickelt hat. Mittlerweile feiern bei uns über 15.000 Gäste 24 Stunden lang zu ehrlicher, elektronischer Musik.

Dann haben meine Dockland-Partner Christoph, Pitti und ich noch ein mexikanisches Streetfood-Restaurant namens Taco Heroes eröffnet.

Über den Sommer hält mich unsere sonntägliche, elektronische Eventreihe Takatuka auf Trab und mit Partnern aus München und Berlin veranstalte ich seit 2017 auf der wunderschönen kroatischen Adriainsel Obonjan das The Island Festival. Ein absolut außergewöhnliches, elektronisches Event mit einer Mischung aus Wellness, Urlaub und Rave für einen familiären Kreis von 700 Gästen.

Zudem sind wir Partner vom PollerWiesen Festival, wobei wir im Bereich Marketing zusammenarbeiten und die inhaltlichen Belange ganz in der Hand unserer Kölner Freunde sind, die ja mindestens genauso lange wie wir dabei sind.

… Und dann ist da noch das Münsteraner Oktoberfest, das acht lokale Gastronomen aus einer Bierlaune heraus ins Leben gerufen haben und was vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz zu mir passt. Da ich aber gebürtiger Münchner bin, Teile meiner Familie dort immer noch beheimatet sind und ich mich der Stadt nach wie vor verbunden fühle, ziehe ich mir Ende September immer schön die Lederhose über. 

 

Du betreibst am Haverkamp in Münster schon seit 1997 zum Beispiel den Fusion Club, der bei Technofans heute dank vieler bekannter Acts sehr beliebt ist. Deinen ersten Club hast du schon 1995 eröffnet. Hast du in deiner Zeit als Clubbetreiber einen Wandel in der elektronischen Musikszene miterlebt oder musstest zum Beispiel in den Jahren die Konzepte ändern, um sich dem Publikum anzupassen? Was hast du in den Jahren als Clubbetreiber für dich persönlich als wichtigste Dinge kennengelernt?


Genau genommen haben wir am Kamp schon 1988 unseren ersten Club im Basement des Fusion eröffnet und ja, ich habe wie wir alle enorme Wandel wahrgenommen. Glücklicherweise hatten wir bisher immer eine Antwort parat. Eine für mich wirklich beunruhigende Zeit war die Zeit der Guettaisierung, wie ich es mal nenne. Vor seinem Durchbruch als Popstar konnten wir mit unseren hervorragenden Künstlerkontakten im Grunde die Trends selber steuern. House und Tech-House waren zumindest in unseren Clubs voll angekommen und die Leute sind in Scharen erschienen, um zu treibenden Beats zu tanzen, die sie nicht aus dem Radio, sondern halt aus den Clubs kannten. Da konnte ich all meine Lieblings-DJs holen, es wurde immer gleichermaßen gerockt. Egal ob weniger bekannt oder bekannt. Es war sogar möglich, zwischen dem immer schon kommerzielleren Heaven und der Techno-Hochburg Fusion die Acts zu wechseln. Ein Hell spielte halt im Frühjahr im Heaven und im Winter im Fusion.

Als dann Guetta & Co kamen, änderte sich das schlagartig. Irgendwie dachten die nachrückenden Kids wohl wirklich, dass die Swedish House Mafia House-Musik erfunden hätte und dass diese Kirmesmukke wohl tatsächlich auf einmal das sein sollte, was wir über Jahre mit Leidenschaft propagiert und verbreitet hatten. Als dann Weltklasse Underground-DJs bei mir nach Tracks von solch kommerziellen Acts gefragt wurden, habe ich ganz schnell die Reißleine gezogen und uns klar positioniert.

Ehrlicher elektronischer Underground fand ab sofort nur noch im Fusion statt und das Heaven hat sich musikalisch dem Mainstream geöffnet und einem Mix aus Hip-Hop, R´n B, Vocal House etc. zugewandt.

Parallel entwickelte sich zu meiner großen Freude eine gigantische Szene für ehrliche elektronische Musik. Techno, House & Co waren nicht tot oder vereinnahmt worden, sondern entwickelten sich weltweit weiter und sind heute größer denn je. So gesehen trennte sich schlicht die Spreu vom Weizen. Auf der einen Seite die Autoverkäufer, die natürlich auch ihre Berechtigung haben und sicherlich auch Türen geöffnet haben und auf der anderen Seite die, für die elektronische Musik eine Lebenseinstellung und Musik/Kunstform ist und für die es keine Rolle spielt, ob ihr Track in den Pop-Charts landet und dem 1Live-Hörer gefallen muss oder nicht. 

Zu deiner Frage, was die wichtigsten Dinge sind, die ich kennengelernt habe. Ganz weit oben: Pass auf dich auf. Sicherlich feiere ich heute auch noch gerne, aber halt in Maßen. Die Gesundheit ist das wichtigste Gut, was du hast und darauf muss man in unserem Job höllisch aufpassen. Dann schätze ich unendlich die vielen Gespräche mit super interessanten Menschen, denen ich in all den Jahren immer wieder begegnet bin und noch begegne. Last but not least war für mich immer meine Privatsphäre wichtig. Auch wenn ich Gastronom, Veranstalter oder was auch immer bin, so bin ich noch lange nicht der öffentliche, ständig präsente Grußoskar. Ich kann mein Privatleben sehr gut von meinem Geschäftsleben trennen und schaffe mir so immer etwas Luft zum Durchatmen.

 

An der Canal Stage beim Docklands Festival letztes Jahr musste zwischenzeitig ein Einlass-Stopp eingeführt werden. Hier waren Stephan Bodzin, AKA AKA & Thalstroem und Oliver Koletzki die bekanntesten Acts. Das Line-Up für das Docklands dieses Jahr beinhaltet noch mehr Techno-Acts als letztes Jahr. Wie kam es dazu?

Ich habe in den letzten Jahren immer Wert daraufgelegt, beim Docklands Festival eine Vielfalt an elektronischer Musik zu präsentieren. Da war es nur logisch und konsequent, auch mal Stühlerücken in Hinblick auf die Bespielung der unterschiedlichen Bühnen zu tätigen. Ich weiß gar nicht, ob wir insgesamt mehr Techno-Acts als letztes Jahr haben, aber richtig ist, dass das Docklands Festival 2018 allein durch die Mainstage-Acts, Techno in einen größeren Fokus rückt. Die Idee dazu kam mir eigentlich direkt beim letztjährigen Festival, wo ich erlebt habe, wie grandios Stephan Bodzin „live“ die Canal Stage zerstört hat. Warum also nicht mal die housigeren Acts auf die kleinere Bühne packen und die technoideren auf die Größere und ja, ein paar Kracher sind schon dabei. U.a. kommen Pan-Pot, Stephan Bodzin, Charlotte de Witte, Modeselektor mit DJ-Set usw …

 

Worauf dürfen wir uns in diesem am Jahr am meisten freuen?

Auf den 30.04. und die Eröffnung des neuen Coconut Beaches, auf das neue Heaven, das vermutlich kurz danach eröffnet, auf das Docklands Festival am 9.6., auf eine großartige Takatuka-Saison sowie auf The Island in Kroatien, das vom 3.–8.9. stattfinden wird.

 

© Peter Wattendorff

Musicplayer

Streame deine Lieblings-Festivalmusik
Für die Suche einfach lostippen!