Helden der Nacht – Leo& Michel

Am Wochenende feiert das liebevoll geführte Nachtdigital Festival im beschaulichen Olganitz seinen 20. Geburtstag. Grund genug, um mit Leo & Michel zwei der Festivalmacher das Wort zu überlassen!

Wann seid ihr das erste Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen und wann ist in dir der Wunsch gereift, Festivals zu veranstalten. 

Michel: Das war so 1990. Im Radio mit DT64 und dann startete ja auch kurz nach der Wende das Technoding überall durch. Nach einigen musikalischen Jahren im Jugendklub reifte die Idee, mal eine Party mit nur elektronischer Musik zu veranstalten. Gesagt getan – Gleichgesinnte wurden in der umliegenden Region schnell gefunden. Man tat sich zusammen und veranstaltete mit Erfolg die ersten kleinen Rave Partys. Ende der Neunziger gab es dann den Drang auch etwas im Freien zu machen. 

Leo: Das war Anfang der Neunzigerjahre. Mit den aufkommenden Dancehits wie „Pump Up The Jam“ von Technotronic oder den ganzen Hits von Snap! schwappte der Sound auch auf unsere ländliche Region. Angefixt davon beschäftigte man sich mehr und mehr mit diesem Thema und stieß schließlich auf das, was sich dahinter noch alles so verbarg. Da ich noch sehr jung war, war es erst einmal wichtig zu konsumieren. Je tiefer man sich durch die Plattenläden in Leipzig und Dresden grub, desto faszinierter war man. Mitte der Neunzigerjahre wollte man dann genau das auch bei sich auf dem Land haben. Zunächst organisierten wir in meinem Heimatdorf den sogenannten „Granary Rave“ in einem alten Getreidelager mit ein paar Hundert Leuten. Mein bester Kumpel, der DJ aus dem Nachbardorf, schlug dann vor, dass wir doch mal in die Natur gehen könnten. Er kannte auch das Bungalowdorf in Olganitz. Es gab also nie direkt die Idee ein Festival zu veranstalten. Es gab aber den unbedingten Drang diesen heißen Scheiß im Freien zu hören und mit anderen zu teilen. 

Wie viel euerer Zeit nimmt Nachtdigital in Anspruch? Was sind eure Aufgabenbereiche? 

Michel: Mittlerweile schon sehr viel. Nachti ist schon lange zu einem festen Bestandteil in meinem Leben geworden. Natürlich gibt es Stressmomente, aber die positive Seite, die Glücksmomente und der Spaß an der Sache überwiegen. Aufgaben gibt es natürlich diverse. Hauptanteil stellen da Logistik/Lager, Materialbeschaffung und Betreuung der Dekoprojekte dar. 

Leo: Nachtdigital beschäftigt mich ununterbrochen. Beinahe jede Zeit, die mir zur Verfügung steht, investiere ich in dieses Projekt. Ich selbst bin irgendwie das Bindeglied zwischen allen Dingen, die auf dem Festival passieren, organisiere, dass alle zusammenkommen, versuche den Überblick zu behalten, spreche mit vielen externen Partnern, unterschreibe alles und halte den Kopf hin. Das mach ich aber gern, weil ich weiß, dass ich mich auf die ND-Crew absolut verlassen kann.  

In diesem Jahr feiert Nachtdigital sein 20-jähriges Jubiläum. Herzlichen Glückwunsch! Hättet ihr gedacht, dass sich das Festival in Olganitz 20 Jahre hält? Und was hat sich im Laufe der Jahre am Festival verändert? 

 Michel: Wir haben das nie forciert, sondern uns immer von unserem Herzen treiben lassen, immer das gemacht, worauf wie Bock hatten. Das hat für mich auch viel mit Durchhalten und Beständigkeit zu tun. Wenn ich die Jahre mal so an mir vorbei rauschen lasse, dann hat sich natürlich vor allem die Musik immer wieder gewandelt, aber auch unser Anspruch, immer wieder was Neues zu probieren und den Leuten anzubieten. Was geblieben ist, sind die Freunde und der Spirit. 

Leo: Danke! Ich selbst hätte mir das nicht erträumt. Wir haben ja nie mit Kalkül organisiert und einen Businessplan auf die Dauer von zehn Jahren ausgearbeitet. Wir haben es einfach gemacht und dabei eigentlich von Jahr zu Jahr gedacht. Das ist auch heute noch so. Wir schauen permanent, wie wir uns verändern, was wir wollen, was wir müssen und ob das alles noch in Einklang zu bringen ist. Zunächst hat sich das Festival von einer zwölfstündigen Veranstaltung über eine Nacht zu einem echten Festival gewandelt. Damit änderte sich viel in Richtung Logistik, Anspruch und Anstrengung. Wenn du jedes Jahr ein Festival in ähnlichem Setup machst, wächst auch jedes Jahr der Anspruch noch besser zu sein und Dinge auch mal anders zu machen. Dadurch sind wir eigentlich permanent im Wandel. 

Gibt es Festivalmomente, die sich besonders eingebrannt haben? 

Michel: Oh, da gibt es so viele Glücksmomente, da könnte man so viele nennen. Tatsächlich ist es für mich ein Moment der zweiten Ausgabe. Der DJ spielte „Necessary Evil“ von Armand van Helden. Er zog die Regler am  Anfang des Tracks immer wieder herunter, so das der Hall aus dem Wald zurückschallte. Mega Nachhallzeit. Das war magisch. 

Leo: Oh, diese Frage ist gemein. Es gab im Laufe der 20 Jahre einfach zu viele tolle Momente. DJ Koze, der bei uns eine Staublunge bekommen hat (es war ein sehr trockener Boden damals) oder die Detroit Grand Pubahs, die nach eigener Aussage ihr schlechtestes Set aller Zeit gespielt haben und sich darüber kaputt lachen konnten. James Holden, der in einem Jahr aufgrund einer verstorbenen Katze eines anderen Künstlers, 2 Mal bei uns gespielt hat oder die fantastische Stimmung 2006 trotz Dauerregens. Am schönsten sind aber immer die ganz persönlichen Stories aus der Crew, die wir uns beim Abbau oder im Nachgang erzählen.  

Seit letztem Jahr gibt es einen Ambient-Floor. Wie kamt ihr auf die Idee gerade dieses Genre zu bedienen? 

Leo: Ambient gab es schon in den Anfangsjahren des Festivals. Damals nannte sich das Chillout. Zwischendurch haben wir das etwas aus den Augen verloren und vor vier Jahren durch einen Vorstoß aus dem Conne Island wiederentdeckt. Tatsächlich ist es ungemein bereichernd. Unser Gelände ist relativ klein und alles nah beieinander. Man hat kaum Möglichkeiten, sich dem Treiben zu entziehen. Seit letztem Jahr hat der Ambient-Floor endlich einen Ort gefunden, der funktioniert und die Leute nehmen ihn sehr gut an, um für einen kurzen oder langen Moment durchzuatmen. 

Welche drei Songs würdet Ihr gerne in diesem Jahr auf dem Nachtdigital hören? 

Michel: Schwierig aber nicht unlösbar. In 20 Jahren hat man a.) auch schon viele seiner Perlen auf dem ND gehört, oder b.) sich den Wunsch auch schon selber erfüllt. 

1. Frankie Goes To Hollywood – The Power Of Love (Extended, Singlette Version) 

2. Bronski Beat – Smalltown Boy ’94 (Acoustic Radio Edit) 

3. The National – I Need My Girl 

Leo: Die Nr. 20 hat sehr viel Beschäftigung mit der Vergangenheit mit sich gebracht. Daher für mich eher alte Helden:  

1. Mein all-time-Technobrett: Dave Clarke – The Storm  

2. Ein Nachti-Eigengewächs: Erobique & Robag Wruhme – Hier kommst die Sonne  

3. Bester Closing-Track ever: Massive Attack – Unfinished Sympathy 

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